Rückblick Clubabend - Schadet die Demoskopie der Demokratie?

Zu Gast:

Prof. Manfred Güllner
Gründer und Leiter des Meinungsforschungsinstituts Forsa

(Foto © Rainer Rüffer)

Prof. Dr. Hans-Mathias Kepplinger
Emeritus für Empirische Kommunikationsforschung an der Universität Mainz

(Foto © Rainer Rüffer)

Gerrit Richter
Mitgründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Civey

(Foto © Rainer Rüffer)


Moderation

Werner D'Inka
Präsident des FPC und Mitherausgeber der F.A.Z.

Foto © Barbara Walzer

Dass der Clubabend mit zwei führenden Meinungsforschern und dem Nestor der deutschen Kommunikations- und Umfrageforschung in einen handfesten Streit führen würde, bei dem regelrecht die Fetzen fliegen, war zu Beginn keineswegs vorauszusehen. Ganz sachlich diskutierte das Podium zunächst über grundsätzliche Fragen wie etwa die Wirkung der Demoskopie auf die Wähler oder die Frage, wie die falschen Vorhersagen beim Brexit oder der Wahl Trumps zustande kamen. Schließlich war genügend Kompetenz versammelt: Der Gründer und Chef des Forsa-Instituts, Manfred Güllner, der emeritierte Mainzer Professor für empirische Kommunikationsforschung, Hans Kepplinger, und der CEO des vor wenigen Jahren in Berlin als Start-up gegründeten Instituts Civey, Gerrit Richter. Weil er wetterbedingt nicht aus Stuttgart herauskam, musste der als vierter Podiumsgast vorgesehene Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie in Allensbach dagegen kurzfristig absagen.

Güllner wies die These zurück, die Demoskopie beeinflusse selbst das Wahlverhalten. Schließlich habe es bei Nachwahlen wegen Tod eines Kandidaten regelmäßig exakt den selben Trend gegeben wie bei der vorausgegangenen Wahl. Und da hätten die Wähler ja nicht nur das Ergebnis der Umfragen, sondern der Wahl selbst schon gekannt. Einzige Ausnahme: Die Schnittmenge bei den Wählern von CDU und FDP habe schon in der Vergangenheit zu taktischem Pendeln zwischen beiden Parteien bei der Stimmabgabe geführt - je nachdem, ob die FDP sicher drin war oder gestützt werden musste.

Richter argumentierte, die Demoskopie gebe auch den Menschen eine Stimme, die sich sonst nicht äußerten. Man dürfe nicht nur auf die Sonntagsfrage sehen, wichtig sei auch zu ergründen, warum Menschen wie denken. Den Hype mit den anfangs so hohen Umfragewerten für Martin Schulz führte er auch darauf zurück, dass viele endlich eine Chance sahen, Langzeitkanzlerin Merkel loszuwerden. Kepplinger wiederum mahnte, auf die Fragestellung der Umfrage zu schauen. Nur wer die kenne, könne auch die Antworten richtig einschätzen. Zudem sei es eine Illusion zu glauben, eine Befragung sei um so aussagekräftiger, je mehr Menschen daran teilnehmen.

Doch dann kam es zum erbitterten Duell zwischen Güllner und Richter. In der Sache ging es darum, dass Forsa noch überwiegend mit Umfragen über das Festnetz-Telefon, Civey dagegen über das Internet arbeitet. Güllner zweifelte die Aussagefähigkeit der Befragung von surfenden Internet-Usern an, bei denen Menschen mit akademischer Bildung, Selbstständige und höhere Beamte weit überrepräsentiert seien. Wenn dann 87 Prozent für Cannabis seien, stünden dem tradionelle Befragungen mit 60 Prozent dagegen gegenüber. Richter wiederum hält dem entgegen, solche Abweichungen könnten mit statistischen Methoden herausgerechnet werden, und man wappne sich auch gegen falsche Angaben im Pannel. Wenn jemand sich als 30-Jähriger ausgebe und bei einer anderen Umfrage als Rentner, werde er aus der Gruppe der zu Befragenden entfernt. Auch die rückläufige Bereitschaft von Menschen, an Telefonumfragen teilzunehmen, kam zur Sprache.

Doch der Streit wurde noch viel schärfer und sehr persönlich. Einer nannte den anderen Scharlatan, der wiederum warf dem Kontrahenten einen "Kreuzzug" gegen sein Institut vor und drohte mit rechtlichen Konsequenzen. Langweilig war der Clubabend jedenfalls ganz sicher nicht.

 

Text: Gerhard Kneier

Fotos © Rainer Rüffer